Fünf Fragen,  Work

Filiz Louise Kacmaz: Man kann sehr lange eine Maske trage, den Schein wahren und nach außen funktionieren, aber irgendwann holt es dich ein.

Bye, Bye Jobfrust und Langeweile – ich helfe dir dabei, den Spaß in deinem Job zu finden. Mit dieser Message tritt Filiz an und möchte Frauen dazu bewegen, sich ganz bestimmte Fragen zu stellen, damit sie beruflich, wie privat ihre Vision eines erfüllten Lebens führen können. Während ihrer Ausbildung zum Life Design Coach, hat Filiz wunderbare Methoden gelernt, die dabei helfen die eigene Work Life Romance zu gestalten. Und genau das ist ihre eigene Passion und Erfüllung. Es macht sie glücklich und zufrieden, wenn sie anderen Frauen dabei eine Hilfe sein kann, sich zu hinterfragen, sich selbst in den Fokus zu stellen und dadurch ihren persönlichen Traum zu leben.  

Ich habe Filiz als eine sehr ambitionierte und reflektierte Frau kennengelernt. Sie strahlt eine tiefe, innere Ruhe aus und hat ein unglaublich angenehmes Wesen. Ihre positive Lebenseinstellung motiviert total. Filiz sagt von sich selbst, dass sie bereits als Kind eine fröhliche und ausgelassene Art hatte. Beruflich strebte sie kein klassisches Bild, wie das einer Tierärztin oder einer Polizistin an. Ihre Antwort auf die Frage was sie später einmal werden möchte war: Glücklich sein!

Doch die Wirtschaft kam ihr dazwischen. Karriere, Erfolg, Geld, Status und vor allem eines: Höher schneller, weiter! – waren auf einmal im Fokus. Nicht weil sie es intrinsisch so fühlte, sondern weil unsere Gesellschaft nun mal so tickt. Es ist nunmal so, dass Karriere gleichermaßen mit viel Geld und gewissen Managementpositionen in Verbindung gebracht wird.

Filiz fügte sich nach und nach ein.

Schon in der Schule fiel es ihr leicht, Wissen aufzusaugen und gestellte Aufgaben schnell zu lösen. Häufig fühlte sie sich unterfordert. Dieses Gefühl zog sich durch ihre Ausbildung und das BA Studium. Anfangs startete Filiz super motiviert in den neuen Lebensabschnitt und mochte ihren Job. Ihre Aufgaben machten ihr Spaß und ihr gefiel das Umfeld. Doch auch hier kam nach einiger Zeit das Gefühl der Unterforderung auf. Sie schaffte ihre Aufgaben in kurzer Zeit, musste warten, bis sie ein neues Projekt bekam – was aber häufig nicht der Fall war. Diese Situation hielt an und Filiz spürte diese tiefe Unzufriedenheit, wusste aber nicht damit umzugehen. Es war ein Prozess über Monate, sogar Jahre. Irgendwann suchte sie sich selbst ihre Aufgaben. Sie fing an diese in die Länge zu ziehen, beschäftigt auszusehen und langweilte sich immer mehr. Sich selbst neu zu sortieren und den Job zu hinterfragen ist etwas, was nicht sofort als Lösung klar ist. Schleichend verschlechterte sich ihr Zustand. Doch je unterforderter sie sich fühlte, umso stärker war der Drang, ein bestimmtes Bild aufrechtzuerhalten.

Filiz war unwahrscheinlich gut darin. So gut, dass sie lange Zeit vergaß, wer sie früher einmal war. Ihr Wesen veränderte sich. Von einer selbstbewussten, lebensfrohen und sehr positiven Frau, war nicht mehr so viel übrig. Sie war schlapp, erschlagen und in sich gekehrt. Von außen betrachtet schien ihr Leben perfekt. Sie hatte eine erfolgreiche Karriere, verdiente gutes Geld und führte, in den Augen unserer Gesellschaft, ein erstrebenswertes Leben.

Von innen betrachtet fehlte es Filiz an ihr selbst. Gefährlich wurde es, als sie immer mehr an sich zweifelte, versuchte in die vorgegebene Schublade zu passen, sich selbst zu ÜBERhören um schlussendlich einen Weg einzuschlagen, der sie krank machte. Diagnose Boreout. Laut Duden ist die Definition eines Boreouts folgende: Unzufriedenheit, körperliche oder psychische Störung, die durch Unterforderung im Beruf ausgelöst wird.

Bekannter als ein Boreout ist der Burnout. Dieser wird ca. dreimal häufiger diagnostiziert als ein Boreout. Warum ist das so? Weil Betroffene dazu neigen lieber eine Überforderung vorzutäuschen, als zuzugeben, dass sie sich gelangweilt und unterfordert fühlen. Denn eine Unterforderung im Beruf wird als ein Nicht-gebrauchtsein wahrgenommen. Betroffene fühlen sich unnütz und stellen sich selbst in Frage.

Das ist ein großes Problem und führt leider dazu, dass erkrankte Menschen sich für sich selbst schämen. Umso schöner ist es, dass Filiz sich öffnet und über ihren Boreout spricht.

Dieses Interview war mir besonders wichtig zu führen. Ich selbst habe mich in einigen Momenten wieder erkannt. Auch ich hatte bereits einen Job, in den ich nicht passte, wo meine Energie und Motivation weder gebraucht noch gefördert wurden. Wenn man tief im inneren spürt, dass etwas falsch läuft, muss man handeln. Sich herausnehmen, auf Pause drücken und sich selbst in den Vordergrund stellen. Es ist unangenehm, es ist hart und tut an manchen Stellen weh – aber weiß du was? Am Ende ist es jeden Moment wert. Wenn man herausgefunden hat, welche Werte tief verankert sind, welche Fähigkeiten und Leidenschaften einen erfüllen, dann kann das alles verändern.

Das Interview mit Filiz sollte das nochmal untermauern und deutlich zeigen, dass berufliche Zufriedenheit und Erfüllung extrem wichtig sind, um sich persönlich auch erfüllt und zufrieden zu fühlen. Wir schalten nun mal nicht ab einer gewissen Uhrzeit die berufliche Person aus und starten mit der Privaten Version von uns selbst. Alles ist verschmolzen und sollte auch so betrachtet werden.

Wir haben die Verantwortung für unser Leben und wie wir es führen. Statt Ausreden zu suchen, warum es nicht läuft, sollten wir ins Handeln kommen. Filiz hat einen harten Weg hinter sich. Ich bin sehr stolz auf sie. Sie schaffte es, sich selbst zu finden, um nun mit 29 Jahren sagen zu können: Ich liebe mein Leben, ich liebe meinen Beruf und ich bin glücklich.

1) Liebe Filiz, wie kam es zu deinem Boreout?

Der Ursprung liegt bei mir selbst. Ich habe mir bestimmte Fragen, wie zum Beispiel: „Was bedeutet mir ERFOLGREICH sein?“, nicht gestellt. Ich habe mich stark von meinem Umfeld beeinflussen lassen und strebte nach gesellschaftlich anerkannten Strukturen. Mit 18 Jahren hatte ich nicht den Blick, was alles möglich ist. Also fügte ich mich in das System ein und schwamm mit. Das kann ich rückblickend jedenfalls so sagen. Damals war mir das nicht klar.

Die ersten Anzeichen des Boreouts sind nicht richtig greifbar, es ist ein schleichender Prozess, der sich immer weiter aufbaut, bis das Fass überläuft. Ich habe eine gute Auffassungsgabe, kann Aufgaben effizient umsetzen und bin dadurch häufig schneller fertig als andere. Das zog sich von der Schule bis zur Ausbildung und durch mein BA Studium.

Ich begann meine Ausbildung zur Immobilienkauffrau mit voller Motivation und wollte lernen, arbeiten und unterstützen. Ich erledigte meine Aufgaben immer schnell und war nach drei, bis vier Stunden mit dem Tag durch. Ich fragte immer wieder nach neuen Projekten oder ob ich irgendwo unterstützen könne, aber leider kam dabei wenig rum. Irgendwann akzeptierte ich diesen Zustand und nahm es für normal hin. Auch später, während des BA Studiums fand ich mich in solchen Situation wieder. Es zog sich durch meine junge, berufliche Laufbahn. Natürlich gab es auch Hochs und wunderbare Zeiten – es ging mir nicht durchgängig schlecht.

Während meines BA Studiums bekam ich einen Anruf einer Headhunterin und wechselte den Job. Dadurch war der Boreout wie stillgelegt. Für ein paar Monate ging es mir beruflich gut. Doch das Gefühl kam wieder und die Krankheit holte mich ein. Mein Zustand verschlimmerte sich. Je mehr ich versuchte mich anzupassen, desto schlimmer wurde es. Ich langweilte mich, fühlte mich unterfordert und fing an, Aufgaben künstlich in die Länge zu ziehen. Ich entwickelte Verhaltensweisen, um beschäftigt zu wirken. Ich wollte verhindern, dass jemand merkt, dass ich nichts zu tun habe. Es war schlimm. Ich zweifelte an mir, stellte mich in Frage. Mir fehlte die Erfahrung, um das alles zu begreifen und einzuordnen.

Von außen betrachtet hatte ich das perfekte Leben. Ich hatte einen Partner, einen Hund, ein Auto, lebte in einer schönen Wohnung in Hannover und verdiente gut.

Doch innerlich fühlte ich mich leer. Ich wurde immer unglücklicher.

Ich dachte, ich sei falsch. Ich passe nicht rein, ich habe nicht erfüllbare Ansprüche. Ich entwickelte eine Essstörung und trieb exzessiv Sport. Ich kapselte mich von Freunden ab und fing an, ein zweites Ich zu entwickeln. Es gab die Filiz, die nach außen glücklich war, einen guten Job hatte und sich nicht beschwerte. Die Realität sah anders aus. Ich kämpfte mit mir. Ich war drauf und dran mich zu verlieren.

2) Diagnose Boreout, was nun?

Als ich die Diagnose bekam, setzte ziemlich direkt der Impuls ein: Ich will da rauskommen, und zwar allein. Ich wusste zuerst nicht wie und krempelte einfach alles um. Ich würde sagen, dass 2016 mein absolutes Umbruchs Jahr war. Die Krankheit hat mich vier Jahre begleitet, was nicht heißt, dass es mir durchgängig schlecht ging. Aber eben auch nicht gut. Ich änderte mein Leben, meine Sichtweisen und meine Routinen um 180 Grad. Stets begleitet von dem inneren Antrieb, dass ich es schaffen will, mich selbst aus dieser Krankheit zu befreien und mein Leben eigenständig in die Hand zu nehmen.

Ich habe den Job gewechselt, probierte viel aus und beschäftigte mich mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung. Der gravierendste Schritt war allerdings die Trennung von meinem Freund, der heute mein Mann ist.

Ich wollte wieder zu der Filiz werden, die ich vorher war. Fröhlich, ausgelassen, glücklich und positiv. All das verlor ich über die Jahre – durch den schleichenden Prozess des Boreouts, veränderte sich nach und nach mein Wesen. Es ist nun mal nichts, was von heute auf morgen passiert. Es ist eine heimtückische, langsam beginnende Krankheit.

Ich habe mich während meines Umbruch Jahres stark mit all meinen Lebensbereichen beschäftigt. Ich habe endlich hingesehen und mir selbst zugehört. Ich habe mir überlegt, wie ich als Person sein möchte und mich mit Methoden der Persönlichkeitsentwicklung nach und nach sicherer und wohler mit mir gefühlt. Um mich vom Boreout zu erholen, hat viel Zeit gekostet. Ich habe über eine lange Zeit Gewohnheiten aufgebaut, die mir halfen, mein Leben zu meistern, obwohl ich nicht glücklich war. Nun musste ich diese Routinen umstellen und wieder zu mir finden. Das war hart aber vor allem auch befreiend.

3) Was waren die ersten Anzeichen, die du erst rückblickend deuten kannst und welche körperlichen Symptome hattest du?

Dadurch, dass es ein Prozess ist, geht es weitaus früher los, als man denkt. Die Anzeichen oder Symptome können allerdings schwer greifbar sein. Bei mir hat es sich immer weiter aufgebaut. Durch einen Unternehmenswechsel war es kurzzeitig eingedämmt, holte mich aber mit großen Schritten ein. Richtig eskaliert ist es wenige Monate vor der Diagnose. Bei mir fing alles im Kopf an. Ich hatte weniger Selbstbewusstsein, fühlte mich klein und habe mich in Frage gestellt. Je unwohler ich mich fühlte, desto mehr versuchte ich Kontrolle in mein Leben zu bekommen. Durch den vielen Sport und die Essstörung war ich schlapp und müde. Ich bekam Herzrhythmusstörungen, war an einem Langzeit EKG zur Überwachung und dachte mir einfach nur:

Wie kann das sein? Ich bin Mitte 20 und fühle mich so kaputt.

Mein Körper zeigte mir knallhart, dass es so nicht weitergehen kann. Doch erst als ich Ohnmachtsanfälle bekam und meine Augen sich nicht mehr scharf stellten, ging ich zum Arzt. Er diagnostizierte mir das Boreout Syndrom – ohne ihn hätte ich das nie für mich in Betracht gezogen. Die Symptome sind von Person zu Person unterschiedlich. Aber wenn man es zu weit treibt, sagt der Körper irgendwann Stopp und das oft auf eine radikale Weise.

4) Wie hat dich diese Zeit verändert?

Ich habe eine Maske getragen. Im außen sollte keiner etwas merken – das hat viel Kraft gekostet. Ich habe mich niemandem geöffnet, sah den Fehler komplett bei mir und dachte lange, ich sei das Problem. Innerlich war ich aufgewühlt.

Ich mochte mich selbst nicht mehr. Mein fröhliches Wesen und meine positive Lebenseinstellung waren wie weggeblasen. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, warum ich kaum noch Freude empfinde. Ich war doch immer so selbstbewusst und optimistisch – all das war weg. Ich hatte einfach keinen Spaß mehr am Leben.

Die Krankheit hat stark an mir genagt – wahrscheinlich auch deshalb, weil ich noch so jung war. Ich befand mich in der Findungsphase, war gerade erst im Job, wusste noch gar nicht, was ich eigentlich machen möchte.

Damit ich mein Leben von Grund auf ändern kann, hat mir Persönlichkeitsentwicklung geholfen. Ganz zu Beginn nutzte ich die Methode des Lebensrades. Dort schreibt man auf, welche Werte man hat und wann man sich gut fühlt.

Das war der Startschuss.

Der Schlüssel für mich war, ins Handeln zu kommen. Die Theorie ist nur soviel wert, wenn sie als Kompass dient. Ich musste losgehen und meine Erfahrungen machen – nur so bin ich zu mir und meinem jetzigen, sehr erfüllten Leben gekommen. Ich habe mich sehr auf mich konzentriert. Positive Gedanken, gute Laune und Kreativität hatten endlich wieder Platz in meinem Leben. Ich sah neue Chancen, entwickelte weitere Charaktereigenschaften und wurde mir darüber bewusst, wie es zum Boreout kam. Ich habe mich beruflich ganz stark angepasst – ich dachte, dass ich dadurch leichter Karriere machen kann – ohne mir die Frage, was Karriere eigentlich für mich bedeutet, beantwortet zu haben.

5) Bist du glücklich?

Ja. Ich bin sehr glücklich in meinem Leben und genau am richtigen Platz. Meine Familie, mein Hund, gutes Essen, die Natur, Sport – aber auch anderen Menschen helfen, Neues ausprobieren, die Freiheit zu haben, die ich mir mit der Selbstständigkeit verwirklicht habe, sind Gründe für mein Glück. Ich bin wieder bei mir angekommen und das fühlt sich verdammt gut an. Weißt du noch, was du früher einmal werden wolltest? Meine Antwort war damals nicht wirklich ein Beruf oder ein Titel. Meine Antwort auf die Frage war: glücklich sein.

Dann kam das reale Leben und die Wirtschaft dazwischen und ich dachte, es geht nicht. Doch heute weiß ich, es ist möglich! Ich würde alles wieder genauso machen. Der Boreout und der Weg aus der Krankheit heraus, haben mich gestärkt. Heute kann ich sagen, dass ich stolz auf mich und all meine Erfahrungen bin. Alles Tolle aber vor allem auch all die unschönen Zeiten gehören zu mir und haben mich wachsen lassen.

6) Welchen Rat möchtest du weitergeben, wenn sich jemand in deinen Erfahrungen wiederfindet?

Zum Arzt gehen und eine Diagnose erhalten ist aber auf jeden Fall der sinnvollste Schritt. Nur so ist es möglich Sicherheit zu bekommen und sich der Krankheit anzunehmen. Wer sich in einer ähnlichen Situation befindet sollte versuchen sich objektiv zu beobachten. Mit einem Perspektivwechsel schafft man manchmal die nötige Distanz zu sich selbst. Auch eine Gesprächstherapie mit einem Experten halte ich für effektiv

Ich wollte das damals nicht. Ich wollte keine Hilfe von außen, ich wollte alles selbst schaffen. Einer meiner Glaubenssätze war: Du hast dich selbst in diese Situation gebracht, jetzt holst du dich auch selbst da raus. Rückblickend würde ich es anders machen und versuchen meine Liebsten viel mehr mitzunehmen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Offenheit in Bezug auf Boreout herrscht. Kein Mensch sollte sich für seine Krankheit schämen müssen.

Man kann sehr lange eine Maske trage, den Schein wahren und nach außen funktionieren, aber irgendwann holt es dich ein.

Liebe Filiz, vielen Dank für das sehr offene und unglaublich wertvolle Gespräch – ich hoffe es folgen viele weitere davon. Du bist eine inspirierende Frau und hast einen schweren Weg hinter dir. Das macht uns am Ende immer stärker als die fröhlichen und positiven Erfahrungen.

An dich liebe Leser:in, danke, wenn du dir bis zum Ende des Artikels Zeit genommen hast. Wenn du Kontakt zu Filiz aufnehmen möchtest . findest du hier ihre Kontaktdaten.

E-Mail: erfolgsheldinnen@gmail.com

Instagram: filiz_louise

Web: https://filizlouise.com/uebermich/

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