Fünf Fragen

Vanessa Jobst-Jürgens: New Work ist die Antwort auf Veränderungen in unserer Gesellschaft.

Ihr Wunsch die Wirtschaft menschlicher zu machen, begleitet Vanessa Jobst-Jürgens bereits seit Ihrem Studium. Jahre später ist aus ihrem Wunsch eine wirkliche Mission geworden. In Ihrer Arbeit als Unternehmensberaterin stand für sie stets der Mitarbeiter, mit seinen Bedürfnissen, im Vordergrund. Für mich ist Vanessa eine echte Powerfrau mit Role-Model-Charakter. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes startete sie ein ganz besonderes Projekt. Neben ihren zwei Kindern hat Vanessa nun ein weiteres Baby – ihr eigenes Buch mit dem Titel: „New Work. Was relevante Arbeitnehmergruppen im Job wirklich wollen – eine empirische Betrachtung“. (erhältlich über den Springer Verlag, Bücher.de, Amazon oder andere Buchanbieter)Obwohl New Work in den letzten Jahren immer relevanter wurde, sind Unternehmen noch nicht vollends davon überzeugt. Warum? Weil es kaum Daten als Grundlage gibt. Um genau das zu ändern, hat Vanessa eine Studie erhoben. Sie wollte Fakten liefern, Unternehmen Zahlen vorlegen und aufzeigen, dass New Work keinesfalls nur eine Modeerscheinung ist. Ich wollte von Vanessa wissen, woher Ihre Motivation für das Thema kommt, was sie antreibt und welchen Einfluss Corona auf die Implementierung von New Work Merkmalen in Unternehmen hat.

1.   Was bedeutet New Work?

New Work bedeutet ganz einfach gesagt: „Die Arbeit die man wirklich, wirklich machen möchte“. Diese Aussage ist wohl die bekannteste und geht auf Frithjof Bergmann, den Begründer von New Work, zurück. In den 70er Jahren hat er die Veränderung in der Arbeitswelt beobachtet. Laut seiner Definition wird die Arbeit des Menschen in Erwerbsarbeit und Arbeit, die er für sich oder die Gesellschaft leistet, aufgeteilt. Erwerbsarbeit ist die Arbeit, die das Geld zum Leben (Miete, Essen, etc.) einbringt. Hingegen Arbeit für die Gesellschaft oder für sich selbst als sinnstiftende Arbeit definiert wird. Im Kern geht es bei New Work darum, dass ein Mitarbeiter eine Sinnhaftigkeit in der eigenen Arbeit gepaart mit einem Maß an Freiheit erlebt. Sobald dies gegeben ist, befindet man sich im Sweet Spot, dem Zustand, in dem man sich entfalten kann. New Work ist der Weg dahin. Es ist ein Baukasten mit Methoden und Tools, aus dem man sich bedient, um an sein Ziel zu kommen.

2.   Du beschäftigst dich bereits seit vielen Jahren mit New Work, hast sogar eine Studie zu den Bedürfnissen von verschiedenen Arbeitnehmergruppen erhoben und daraus dieses Jahr ein Buch geschrieben. Woher kommt das Interesse und die Motivation für New Work?

Schon während meines Studiums gefielen mir Projekte zu Arbeitnehmer-Zufriedenheit besonders gut. Alles was mit Veränderung, Transformation, Arbeits-, und Organisationspsychologie, sowie Change-Management zu tun hatte, fand ich wahnsinnig spannend. Persönlich würde ich mich als eine Mischung aus Business,- und Menschenorientiert beschreiben. Letztendlich kommt meine Motivation für das Thema sicherlich daher, dass ich mich mit New Work identifizieren kann und es als unheimlich wichtige Wandlung in der Arbeitswelt sehe. Mittlerweile gibt es zahlreiche Berater zu New Work. Sie sagen Unternehmen was sie tun sollen, haben aber keine Zahlen, um Ihre Meinung zu belegen. Warum sollte darauf gehört werden? Die Intention von New Work ist so gut, aber wenn keiner mitzieht, verläuft die Bewegung im Sand. Das will ich verhindern. Mit meiner Studie habe ich eine Datengrundlage geschaffen, um Unternehmen die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass diese auf die Bedürfnisse Ihrer Mitarbeiter eingehen müssen – weil sie sonst irgendwann nicht mehr genügend davon haben.

Dass aus meiner Studie ein Buch wird, war nie geplant. Nachdem ich alles ausgewertet hatte sagte mein Mann: „Jetzt hast Du alle Daten, schreib doch ein Buch daraus!“ Zuerst war ich nicht besonders angetan von der Idee – dachte mir dann aber „warum eigentlich nicht?!“  Kurze Zeit später unterschrieb ich den Autorenvertrag. Nach der Geburt meines Sohnes fing ich an zu schreiben. Vom ersten Wort bis zum letzten Satz schrieb ich insgesamt sieben Monate an meinem Buch. Wenn mein Mann ins Bett ging, machte ich mir häufig noch einen Kaffee und startete die Schreib-Nachtschicht. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, aber es war eben auch wahnsinnig anstrengend. Ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Mutter sowie die große Leidenschaft für das Thema, hätte ich nicht geschafft, das Buch zu Ende zu schreiben. Ich bin immer für mehr „Real Talk“ – sowas geschieht nicht wie durch Zauberhand.

3.   Hat Deiner Meinung nach Corona geholfen, um Unternehmen offener für New Work zu machen?

Eine Erkenntnis in der Pandemie ist für mich, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Jeder ist betroffen. Ob Vorstand, Mitarbeiter, Führungskraft, Mütter oder Väter. Jeder kämpft. Es macht uns Menschen zugänglich, verletzlich und gleichzeitig vereint es uns.

Durch Corona hat die Digitalisierung in Unternehmen enorme Fortschritte gemacht. Remote Arbeiten und das Vertrauen in Mitarbeiter war auf einmal keine Fragestellung mehr. Um Stillstand zu vermeiden, mussten Organisationen schnell handeln. Dadurch wurden einige Merkmale von New Work gut bespielt. Zum Beispiel, dass Führung nicht nur administrative Tätigkeiten beinhaltet, die Kommunikation auf digitaler Ebene stattfindet und Mitarbeiter sich Kompetenzen angeeignet haben, um weiterhin ihre Projekte zielorientiert erfüllen zu können. Diese Punkte konnten schnell umgesetzt werden und werden in viele Fällen auch weiterhin erfolgreich laufen. Allerdings geht es bei New Work umso viel mehr. Um es zu leben müssen Unternehmen Ihre Organisationsstrukturen anpassen und an ihrer Unternehmenskultur arbeiten. Das ist ein längerer Prozess und muss durchdacht werden. Dahingehend hat Corona vielleicht und hoffentlich einen kleinen Schubser gegeben.

4.   Umsetzbarkeit von zielorientiertem Arbeiten. Was müssen Unternehmen aber auch Arbeitnehmer hierbei beachten?

Das zielorientierte Arbeiten ist in Deutschland schwierig abzubilden. Das Deutsche Arbeitsrecht sieht in jedem Vertrag eine Stundenanzahl vor. In anderen Ländern hingegen gibt es bereits Unternehmen, die an Stelle der Arbeitsstunden die Tätigkeiten, Projekte und Aufgaben im Vertrag festgelegt haben. Soweit sind wir in Deutschland noch nicht (falls doch, bitte melden! ;-)). Auch wenn in unseren Arbeitsverträgen die Stundenanzahl notwendig ist, sind Unternehmen dahingehend offen für Veränderungen. Mitarbeiter mit frischen Ideen können einen weiteren Umschwung ins Unternehmen bringen – dieser muss allerdings auch erwünscht sein. Um herauszufinden, ob Unternehmen, trotz einer vertraglich festgelegten Stundenanzahl, eher daran interessiert sind, dass die Erfüllung von Aufgaben im Vordergrund steht, sollten Mitarbeiter explizit nachfragen, welche Meinung das Unternehmen zu Vertrauensarbeitszeit und zeit- sowie ortsunabhängiger Arbeitsgestaltung hat. Kein Mensch kann acht Stunden am Stück produktiv sein. Manche können abends besser arbeiten, manche eher vormittags. Bei Gesprächen mit Vorgesetzten können Mitarbeiter direkt nachfragen, wie wichtig „Facetime“ oder eine acht Stunden Office-Präsenz ist. Durch das entgegengebrachte Vertrauen und die bedürfnisorientierte Führung erhält der Mitarbeiter die Freiheit seine Aufgaben im eigenen Tempo und zeitlichen Ermessen zu erfüllen.

5.       Was wird bleiben, was wird gehen? Was glaubst Du, wie wird sich unsere Arbeitswelt in den nächsten Jahren in Bezug auf New Work verändern?

Wie oben beschrieben, lässt sich das zielorientierte Arbeiten mit der aktuellen Gesetzeslage nicht ohne Weiteres umsetzen. Bei dem Thema Raumkonzept sehe ich persönlich auch keine große Wichtigkeit mehr. Wenn jeder Mensch verstanden hat, wie er am produktivsten arbeiten kann, dann ist kein explizites Konzept mehr dafür nötig, denn dann entscheidet jeder für sich, wo er oder sie arbeiten möchte.

Ich glaube, dass der Name New Work nicht bleiben wird. Es ist ein Trendwort. Die Notwendigkeit von New Work aber wird bleiben.

Es gibt immer noch Unternehmen, für die ein Obstteller oder ein Kickertisch die Implementierung von New Work sind. Aber wir Menschen sind smart, wir hinterfragen und wollen sicherstellen, dass das Unternehmen, für das wir arbeiten, wirklich zu uns und unseren Werten passt. Sinnstiftendes Arbeiten ist wichtiger denn je.

Liebe Vanessa, vielen Dank für Deine Zeit und den Einblick in New Work. Das Thema ist so umfassend, so spannend und so relevant. Ich freue mich auf weiteren Austausch mit Dir und wünsche Dir von Herzen viel Erfolg mit Deinem Buch.

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